Biller, Esra und die Kunstfreiheit

Traditionell wird an den Tagen nach der Verleihung des Literaturnobelpreises das Feuilleton von diesem Thema bestimmt. Dieses Jahr dürfte das anders aussehen. Denn der heutige Tag könnte in die Geschichte eingehen, als einer der tragischsten der deutschen Literaturgeschichte. Heute nämlich hat das Bundesverfassungsgericht endgültig das Verbot von „Esra“, dem Roman von Maxim Biller, bestätigt. Vier Jahre zieht sich der Prozess bis heute hin und ist noch nicht gänzlich ausgestanden. Im Dezember wird das Landgericht München eine weitere Klage gegen Biller verhandeln – dann geht es um 100.000 Euro Schadensersatz.

Für alle, die noch nichts über die Sache gehört haben, eine Kurzzusammenfassung (Details gibt es hier, hier und hier): 2003 wurde der Roman veröffentlicht, der Verkauf jedoch umgehend durch eine einstweilige Verfügung gestoppt. Eine Ex-Freundin Billers und deren Mutter nämlich erkannten sich und ihre Geschichte in dem Buch wieder, fühlten sich in ihren Persönlichkeitsrechten eingeschränkt und gingen juristisch gegen das Buch vor. Was folgte war ein Kampf von Biller und seinem Verlag Kiepenheuer&Witsch durch alle Instanzen, bei dem sie jedoch stets den Kürzeren zogen. Das Buch bleibt verboten. Denn auch die Richter in Karlsruhe räumten den Persönlichkeitsrechten der Ex-Freundin mehr Gewicht ein, als der künstlerischen Freiheit Billers. Immerhin einen Teilerfolg kann man darin sehen, dass der Mutter kein Verbotsanspruch zuerkannt wurde.

Mit Sicherheit wird das Urteil künftig Auswirkungen auf die gesamte Literaturszene haben. Denn in der Urteilsbegründung lieferten die Entscheidungs-Befürworter unter den Richter, das mit fünf zu drei Stimmen zumindest tendenziell knapp ausfiel, gleich eine Messmethode mit, die es künftig erlauben soll zu ermitteln, ob genug Fiktion oder doch zuviel Realität in einem Roman steckt. Heribert Prantl von der Süddeutschen spricht von einem „Verfahren der juristischen Titration“, welches die Verfassungsrichter da liefern. In der Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts heißt es dazu:

Die Kunstfreiheit schließt das Recht zur Verwendung von Vorbildern aus der Lebenswirklichkeit ein. Allerdings besteht zwischen dem Maß, in dem der Autor eine von der Wirklichkeit abgelöste ästhetische Realität schafft, und der Intensität der Verletzung des Persönlichkeitsrechts eine Wechselbeziehung. Je stärker Abbild und Urbild übereinstimmen, desto schwerer wiegt die Beeinträchtigung des Persönlichkeitsrechts. Je mehr die künstlerische Darstellung die besonders geschützten Dimensionen des Persönlichkeitsrechts berührt, desto stärker muss die Fiktionalisierung sein, um eine Persönlichkeitsrechtsverletzung auszuschließen.

Dieses Konzept werden künftig Autoren und vor allem auch Lektoren zu beachten haben, wenn sie an einem Werk arbeiten. Wie aber kann man sich die Konsequenzen nun konkret vorstellen? Schauen wir einmal, was genau die Richter zu ihrem Urteil bewegte:

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