Auswirkungen des und Fragen zum Web 2.0 (2)

Die Fortsetzung des ersten Teils, der u.a. die Frage behandelt, ob wir uns dank des Internets zu einer Gesellschaft der falsch Informierten wandeln.

Stellt das Internet eine Gefahr für den Journalismus dar, weil nun jeder publizieren kann?

Nein. Für kompetent recherchierte, gut aufbereitete Information wird es immer Bedarf geben, daran ändert auch das Medium Internet nichts. Einzig wird sich der Distributionskanal verstärkt in Richtung Web verlagern. Mit hinein in diese Fragestellung spielt auch die von vielen Journalisten bravourös kultivierte Angst vor der Ersetzung der Tageszeitung durch die Blogosphäre.

Warum allerdings muss von einem Ersetzen die Rede sein? Oder gar von einer Abschaffung des Journalismus? Aufgabe des Journalisten ja mitnichten das Füllen von Papierseiten mit Druckerschwärze, sondern die Schaffung von Inhalten, die hintergründige Aufbereitung von Informationen und eben als 4. Gewalt die Willensbildung der Bürger zu ermöglichen. Das Medium ist dafür zunächst sekundär.

Was ich durchaus glaube ist, dass im Bereich der Tageszeitungen Printprodukte über kurz oder lang hinfällig werden. Im Gegensatz zum Buch etwa, dessen Lesen ein Erlebnis darstellt und Muße erfordert, die man in Front eines Bildschirms nicht hat. Doch der primäre Nutzen einer Tageszeitung ist der Zugang zur Information. Eines der entscheidenden Gütsiegel für Information ist ihre Aktualität. Es ist ziemlich offensichtlich, dass diese im Internet wesentlich höher ist.

Wiese also sollte sich ein weniger aktuelles Medium langfristig halten können? Die Haptik der Zeitung? Wohl kaum. Etwa im Unterschied zum Hochglanzmagazin. Der vielzitierte Qualitätsjournalismus, der online angeblich nicht stattfinden kann? Ebenfalls nicht. Denn auch im Netz gibt es schon heute sehr hochwertigen Content – nur eben oftmals nicht bei den etablierten Medien, die ihre Nutzer lieber auf lange Klickstrecken schicken als ihnen auch im Internet ein gutes Feuilleton und ihre besten Autoren zu bieten. Die bewahren Sie für die Printausgaben auf, um noch einen letzten USP für sie zu schaffen. Doch auch dies wird sich ändern. Denn mit einer weiter zunehmenden Verlagerung der Werbebudgets ins Internet, wird es zunehmend lukrativer, dort präsent zu sein. Und da hochwertige Inhalte auch im Netz entscheidend sind, werden die Medienhäuser gar keine andere Wahl haben.

Letztlich muss sich also die Einsicht breit machen, dass das Internet nichts weiter als ein Kanal ist, auf dem ich Inhalte transportieren kann. Nur ist er den altbekannten Kanälen in vielerlei Hinsicht überlegen. Er ist aktueller. Er ist wesentlich günstiger als Print, was Grenzkostenfetischisten jubeln lässt. Er ist dialogisch (keine Angst vor dem Leser – er ist immerhin euer Kunde. Kostenlose Marktforschung sollte doch eigentlich Grund zur Freude sein. Und dann erst der Nutzen für die Meinungspluralität…). Er ist vernetzt. Ein Vorteil im Übrigen, der in nahezu jedem Onlineauftritt einer Zeitung oder eines Magazins viel zu wenig genutzt wird. Klar, die wollen ihre User schön bei sich behalten, doch sinnvoll und im Sinne der Leser ist das nicht. Wie müßig war es im PräLink-Zeitalter, sich die Quellen eines Berichts selbst mühselig zusammenzusuchen und wie einfach könnte es heute sein? So ließe sich die Liste noch um einiges fortführen.

Warum also die Angst vor dem Netz? Ebenso kann man es doch als wunderbare Chance betrachten. Jeder Journalist, der seinen Job liebt, sprich gerne schreibt, gerne informiert und gerne Denkanstöße gibt (bestenfalls sogar gerne neue Denkansätze findet?), sollte eigentlich verliebt ins Internet sein. Darüber, woran es liegt dass die meisten es nicht sind, kann jeder für sich selbst nachdenken.

Im Internet kann jeder schreiben und veröffentlichen, was er will. Wie soll man als Unternehmen da noch die Kontrolle über seine Kommunikation behalten?

Gegenfrage: Hatten Sie jemals wirklich die Kontrolle über die Kommunikation? Hat nicht Lieschen Müller schon immer im Dorf herumerzählt, wie miserabel ihr kürzlich erworbener Haartrockner ist? Haben die Menschen nicht schon immer mehr auf die Meinung von persönlich Bekannten vertraut, als auf die Botschaften der bunten, glitzernden Werbung? Klar haben sie.

Genau dies findet nun eben im Internet statt. „Schrecklich!“, könnte man sagen: „Da lesen das ja viel mehr Menschen!“. Stimmt. Könnte man. Alternativ kann man die Sache aber auch so betrachten: Erstmals haben Sie die Chance, mitzubekommen was die Leute über Sie reden und denken. Eine Gelegenheit, die Sie nie hatten, wenn Lieschen in Buxtehude mal wieder über ihren Haartrockner herzog.

Und natürlich können Sie nicht nur mithören, was die anderen sagen, sondern sie können mitreden. Beispielsweise Frau Müller erklären, dass sie die Plastikversiegelung schon entfernen muss, bevor ihr Haartrockner funktioniert. Oder aber, Sie entschuldigen sich für die Probleme und schicken ihr ein neues Gerät zu. Den zufriedenen Blogeintrag über ihren tollen Kundenservice gibt es übrigens gratis dazu.

Auf der Web 2.0 Mittelstandskonferenz fiel der Satz:

Wer Kommunikation beeinflussen will, muss Teil von ihr werden.

Denken Sie drüber nach.

Thomas Euler

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