Schöne digitale Gesellschaft. Allein, es gibt sie nicht.

Passend zu re:publica XI – die, um es an dieser Stelle mit einem Satz abzufrühstücken, für mich ein gelungenes Event war, WLAN und Plasikhüllen hin oder her – hat Markus Beckedahl samt Team die Gründung des Digitale Gesellschaft e.V. verkündet. Die neue Non-Profit Organisation will und wird gleichsam als Lobbyorganisation für Bürgerrechte im Netz auftreten. Trotz aller Unkenrufe, die hierzu vernommen werden können, finde ich die Initiative begrüßenswert. Allen, die sich über mangelnde Demokratie in der Organisation oder Partizipationsmöglichkeiten auslassen, sei gesagt: Das Netz ist groß und bietet ausreichend Platz für viele andere Initiativen ähnlicher Stoßrichtung. Will heißen: Werdet selbst aktiv – letztlich werden die Erfolge zeigen, welcher Ansatz sich als effektiver erweist. Zumal Konkurrenz ja bekanntlich das Geschäft belebt, auch im Falle von NGOs.

Für mich jedenfalls sind die Gründung des Digitale Gesellschaft e.V. und einige Gesprächen vor und während der re:publica, gepaart mit einigen Gedanken, mit denen ich mich seit geraumer Zeit befasse, Auslöser, an dieser Stelle einige Punkte niederzuschreiben, die ich als wichtig erachte, wenn von digitaler Gesellschaft gesprochen wird.

Es gibt keine digitale Gesellschaft

Wer von einer digitalen Gesellschaft oder einer Bloggerszene spricht unterliegt einem Trugschluss: es gibt sie nicht. Beides sind Begrifflichkeiten, die ein Zusammengehörigkeitsgefühl untereinander und gleichzeitig eine Abgrenzung zu anderen Gruppen suggerieren. Beides existiert in der Realität nicht. Würde ich manche der von mir gerne gelesenen Blogger – HipHop-Blogger, Fotoblogger, Appblogger, Politblogger und Wirtschaftsblogger, um nur ein paar Beispiele zu nennen – danach fragen, ob sie sich als Bestandteil ein und derselben „Szene“ verstehen, würde dies sicherlich ein Großteil verneinen.

Das Internet ist keine Parallelgesellschaft

Vielmehr bildet sich im Internet zunehmend ab, was wir auch offline wiederfinden. Egal welcher Szene ich angehöre, welches Interessen ich habe: Online kann ich mich in entsprechenden Gefilden bewegen, vernetzen und austauschen. Das Internet konstituiert damit keine Parallelgesellschaft sondern stellt quasi ein digitales Abbild unserer Brick-and-Mortar-Welt dar (plus unsere selbstreferenziellen Meta-Themen). Das Internet ist, wenn man so will, Augmented Reality. Das mag uns, den digitalen Nomaden, die wie selbstverständlich durch die virtuelle Medienwelt mäandern, bewusst sein; dem Gros der Menschen „da draußen“ ist es das nicht. Man muss nur mal die Berichterstattung zur re:publica aus klassischen Medienhäusern lesen, um dies zu verstehen. Dort wird nach wie vor gerne die Internetszene beschworen, als wäre sie ein homogener Kreis iPad- und Netbook nutzender, das Internet vollschreibender Sonderlinge. Hat etwa schon mal jemand von der Zeitungskioskgesellschaft gesprochen?

Den Facettenreichtum der Themen, die es im und rund ums Netz gibt, konnte man auf der re:publica im Ansatz erahnen (hierzu hat Thomas Knüwer auch ein paar interessante Gedanken niedergeschrieben, der sich von weniger Feuiletton- und mehr Fachjournalisten Präsenz auf der Konferenz wünscht). Mehr aber auch nicht, denn vollständig ist der dort angetretene Zirkel bei Weitem nicht. Ein Großteil der Leute, die mein Internet ausmachen und dort schöne, interessante oder unterhaltsame Dinge veröffentlichen, besucht die re:publica nicht, weil sie mit ihrer Lebenswelt wenig zu tun hat. Dies ist weder schlimm noch wäre das Event andernfalls in irgendeiner Form handhabbar – bald würden wir nicht mehr über 3.000 sondern 30.000 Besucher sprechen, die allesamt ins WLAN wollen und Gratiskost fordern würden.

Mehr als Herren mit roten Iros

Warum ist diese Überlegung wichtig? Weil sich gleich mehrere Implikationen für erfolgreiches Campaigning daraus ergeben. Zunächst muss den diversen Stakeholdern – Politikern, Journalisten, Bürgern etc. – die Vielfalt des Netzes nahegebracht werden. Wer mit Blogs, Internet und Social Media nur Sascha Lobo verbindet – was seiner eigenen Aussage nach auf 90 Prozent der Nicht-Daueronliner zutrifft – kann das Netz leicht(fertig) als wenig relevant abtun. Erst wenn es gelingt zu verdeutlichen, dass sich im Netz mehr abspielt, als sich selbst umkreisende Diskussionen auf der Metaebene, für die sich geschätzte 98,7 Prozent der Bevölkerung nicht interessieren, weil es sie – gefühlt – nicht betrifft, wird die hiesige Netzlandschaft es schaffen, regelmäßig über den eigenen Horizont hinaus Wirkung zu erzeugen. Will heißen, nur wenn die ganze Themenbreite und im Zweifel persönliche Relevanz auf Seiten der Stakeholder verdeutlicht werden kann, wird man sie davon überzeugen können, dass das Netz mehr kann, als Herren mit roten Iros hervorzubringen. Sascha würde es sicherlich auch freuen.

Mehr gesamtgesellschaftliche Relevanz schaffen

Bei aller vorhandenen Vielfalt im deutschen Internet gibt es jedoch Themenbereiche, die deutlich zu wenig stattfinden. Dazu gehört in meinen Augen nicht zuletzt Politik. Ich bin sicher, dass mir in dieser Einschätzung viele widersprechen würden – immerhin führt ja mit Netzpolitik ein politisches Blog die Deutschen Blogcharts an und dann haben wir da noch Fefe, Nachdenkseiten, Sprengsatz etc. – aber leider sehe ich bis heute kein deutsches Politblog, dass es mit tagespolitischen Themen abseits der Internetpolitik schafft, Agenda Setting-Potential bis in den Politbetrieb und / oder die klassischen Medien zu entfalten. Klar gibt und gab es Ausnahmen wie die Ruhrbarone, denen dies ab und an bereits gelang. Jedoch fehlen in meinen Augen politische Online-Leitmedien, um deren Lektüre heute kein Abgeordneter mehr herumkommt. Hier würde es mich freuen, mehr Projekte zu sehen und ich bin überzeugt, dass dies einen deutlichen Einfluss auf die Wahrnehmung „dieses Internets“ auf Seiten der Politiker und Journalisten hätte.

Andere Themen braucht das Netz

Eng damit verbunden ist meine letzte Anmerkung. Das Internet ist ein exzellenter Platz um politisches Campaigning zu betreiben. Leider muss ich aber feststellen, dass es bislang nur nennenswerte Bestrebungen im Umfeld der Netzpolitik gibt. Versteht mich bitte nicht falsch: Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität, Datenschutz und all diese Themen sind wichtig und stellen letztlich die Grundlage für jegliche andere Form des politischen Netzaktivismus dar. Dennoch sind es am Ende des Tages Nischenthemen, deren gesamtgesellschaftliche Relevanz nur einer Minderheit bewusst ist (s. die oben angesprochenen Probleme). Wenig Bewegung mache ich hingegen in wichtigen Bereichen wie z.B. dem Rentensystem, Bildungspolitik etc. aus. Was, wie ich glaube, nicht
zuletzt damit zu tun hat, dass es uns zwar gelingt innerhalb der Netzelite mittlerweile eine ganz ansehnliche Mobilisierung bei Reizthemen zu schaffen, aber gerade bei nicht netzbezogenen Themen leiden wir daran, dass der eingessene Politbetrieb einem internetgestützten, öffentlichen Diskurs keinen Raum bietet (oder Experimente durchführt, deren Ergebnisse eher nach Wunschzettel als nach Lösung klingen). Hierfür habe ich keine Lösung parat, bin jedoch überzeugt, dass eine größere Präsenz solch „klassischer“ Themen sich abermals positiv auf die Wahrnehmung des Internets als öffentlicher Raum (im Habermas’schen Sinne) auswirken würde. Mein Wunsch wäre, dass sich zu einem größeren Themenspektrum parteiübergreifende, lösungsorientierte Diskursräume entwickeln würden.

Update:

Man schaue sich im folgenden Video nur den Kommentar von Herrn Jarzombek, CDU, ab 7:22 an, um zu verstehen, wie die Politik – zum Teil – noch heute denkt. Jarzombek spricht im Kontext der „Internetbewegung“ von einer maximal tausend Personen umfassenden Elite…


  1. truhe

    Ach, die bis zu Tausend Laute fand ich als Kommentar nicht schlimm. Schlimmer ist der Rest:SPD: "Begr????en, dass sie jetzt einen Ansprechpartner f??r die Netzcommunity haben."Es stellt sich die Frage, mit wem die SPD bislang gesprochen hat. Es gab da ja z.B. den SPD-Netzbeirat und andere Anlaufstellen wie AK Zensur und AK Vorrat. Hinzu kommt die absurde Annahme, dass es f??r die Nutzer des Netzes ??berhaupt eines Ansprechpartners ben??tigt. Das ist ja auch in der Offline-Welt nicht erforderlich. Zumindest w??re mir neu, dass z.B. f??r die Erh??hung der Mehrwertsteuer irgendeine Lobby-Organisation angesprochen werden m??sste, die dann die f??hrende Kommunikationsrolle zwischen Volk und Politik ??bernimmt.CDU: "Die Internetelite von wenigen Hundert oder Tausend Leuten hat, auch wenn sie gute Argumente haben mag, keine Legitimation, die Mehrheit der Bev??lkerung zu vertreten."Hierzu ist die Frage zu stellen, inwiefern die anderen Lobbyorganisationen diese Legitimation haben. Ich denke da z.B. an die DEHOGA oder die FDP. Auch ist mir unklar, inwiefern gute Argumente ihre Legimation verlieren k??nnen, wenn sie nur von 1000 Leuten der Elite kommuniziert werden. Gerade "gute Argumente" der "Elite" sollten doch schwerer wiegen als schlechte Argumente demagogischer Politiker (um hier mal vdL zu erw??hnen).




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