TV-Kritik: Wie Raabs "Absolute Mehrheit" besser werden kann

Stefan Raab macht jetzt also Polittalk. Ganz Politdeutschland war im Vorfeld gespannt, ob uns ein weiterer Schritt in Richtung Amerikanisierung der deutschen Politlandschaft bevorstünde – also das Setzen auf Showeffekte anstelle von Inhalten. Diesen Vorwurf kann man Raab in meinen Augen nicht machen. Auch wenn es, wie nicht anders zu erwarten, humoriger zuging als in allen anderen deutschen Politiksendungen und auch die ein oder andere Pointe auf Teufel-komm-raus erzwungen wurde, so hatte ich zu keiner Zeit das Gefühl, Raab zöge die Themen ins Lächerliche. Auf dieser Ebene ist der Balanceakt Raab meets Politik also schon mal geglückt.

Dennoch war die Sendung noch bei Weitem nicht rund. Da ich davon ausgehe, dass auch die Verantwortlichen sehr genau prüfen werden, wo es Verbesserungspotentiale gibt, habe ich ein paar Punkte zusammengeschrieben, die mir im Laufe der Sendung aufgefallen sind. Denn grundsätzlich ist es in meinen Augen ein spannendes, unterstützenswertes und nicht zuletzt mutiges Experiment, das lange innovationslos vor sich hindümpelnde Format Politiktalk neu interpretieren zu wollen. Hier also meine Hands-on-Optimierungsvorschläge für Absolute Mehrheit

1. Die Zwischenfazits in der Mitte jeder Diskussionsrunde nerven, die Sendung wirkt insgesamt zerfahren. Gemeinsam mit den ebenfalls hinzukommenden Werbeunterbrechungen führt das zu einer klaren Beeinträchtigung des Gesprächsflusses. Während ein Privatsender wohl nicht um die Unterbrecherwerbung umhinkommt, ließe sich zumindest an den nutzlosen „Zwischenständen“ etwas ändern. 

2. Die Rolle von Peter Limbourg ist zweifelhaft. Statt am iPad sitzend die Diskussion zu unterbrechen, um methodisch fragwürdige zustandegekommene Zwischenergebnisse zu verkünden, stünde ihm die Rolle des Realtime-Factcheckers viel besser zu Gesicht. Man stelle sich vor, er könnte in Echtzeit intervenieren, wenn vorgetragene Argumente nicht der Wahrheit entsprächen. Das würde sicherlich zu einem dynamischeren Format beitragen.

3. Das in der Sendung eingesetzte Votingverfahren ist hochgradiger Unfug. Wenn nach jeder „Runde“ (die Sendung besteht quasi aus drei Runden, in denen jeweils ein Themenfeld diskutiert wird) ein Diskutant aus dem Wettbewerb verbannt wird, sollte zumindest jeder die gleiche Chance haben, seine Position darzustellen. Außerdem müsste zumindest die gleiche Zeitspanne für den Vorgang des Abstimmens zur Verfügung stehen. Wenn aber, wie z.B. bei der Zwischenabstimmung zum ersten Thema (Steuergerechtigkeit) geschehen, einer der Teilnehmer einzig- und erstmalig unmittelbar vor dem Voting befragt wird, dann ist natürlich schon aus Gründen der Zeit eine gleiche Chance bei der Abstimmung nicht gegeben. 

Außerdem stört am aktuellen Modus Vivendi, dass ein Teilnehmer insgesamt eine gute Vorstellung abliefern kann, diese aber nichts mehr „wert“ ist (in der Logik der Show), da seine Position nicht mehr gewählt werden kann. Somit wird nicht nur seine Anwesenheit vermeintlich wertlos, der Zuschauer – laut Mission Statement wohl der eigentlich politikferne Typ, den es zu interessieren gilt – bekommt zudem im weiteren Verlauf den Eindruck vermittelt, dass dort ein Verlierer argumentiere. Es könnte durchaus sein, dass dies negativ auf die zuschauerseitige Akzeptanz der vom „Verlierer“ inhaltlich vertretenen Position rückwirkt.

Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten, klüger mit dem Voting-Mechanismus umzugehen, den ich per se erstmal interessant finde, birgt er doch das Potential, eine politische Sendung aufzupeppen. Zum Beispiel könnte man:

  • die Runden unterteilen in Eröffnungsstatements  mit klar umrissener Dauer (z.B. 3 Minuten) – quasi kurze Minireden, in denen die Teilnehmer Position beziehen –  und anschließender Diskussion. Ein wenig wie ein Debate Club. So wäre zumindest ein Schritt in Richtung sicherstellen einer gleichen face time getan und gleichzeitig noch eine innovative Komponente im Show-Verlauf integriert.
  • nicht nach jeder Runde wählen lassen, sondern erst am Ende. Da es ohnehin zu viele Unterbrechungen gibt, würde so einerseits ein validerer Gesamteindruck bewertet und das Format insgesamt würdige weniger kleinteilig. Da die Verlierer ohnehin weiter mitdiskutieren, kann ihre Position auch ohne Auswirkung auf das sonstige Sendungskonzept weiter bewertet werden. Im Gegenteil: Wenn die CDU-Supporter von der JU nicht mehr für ihren Kandidaten anrufen können, werden sie im Gegensatz zur Castingshow sicher nicht einfach für die nächstbeste Alternative zum Hörer greifen. Insofern lässt Brainpool hier sicherlich Call-in-Revenue liegen.

4. Ich finde es grundsätzlich gut zu versuchen, das Format Polittalkshow zu straffen. Dies soll durch die drei definierten Themengebiete erfolgen. Allerdings hat Raab sich so auch ein sehr klares Zeitfenster auferlegt, dass insbesondere durch die – falschen – Zwischenvotings an manchen Stellen ein zu starres Korsett darstellte. Einige Diskussionen konnten nicht mit dem nötigen Tiefgang geführt werden oder Raab kappte sie, als sie gerade die Chance hatten, spannend zu werden. Noch ein Grund für die Abkehr von den Zwischenvotings. Mehr Freiheit, das Thema an interessanten Stellen laufen zu lassen, um an weniger spannenden Stellen abzukürzen, täte Raab sicherlich gut.

5. Nutzt das Netz. Kein Online-Voting, keinerlei Integration von Live-Feedback, kein Twitter- oder Facebook-Stream. Ein Politikformat für die junge Zielgruppe sollte anno 2012 (fast ..13!) partizipative Elemente vorweisen können. Volksnähe, Basisdemokratie, Bürgerbeteiligung – allesamt nicht umsonst Schlagworte der Stunde im aktuellen Politdiskurs. In der Sendung fehlt dafür komplett eine Lösung. Schade.

 

Ich werde die weitere Entwicklung gespannt verfolgen. Ob und wie Brainpool das Feedback integriert und bis zur nächsten Ausgabe daran arbeitet, Fehler der Premiere auszumerzen, wird besonders spannend zu beobachten sein. Ich hoffe, dass alle Beteiligten bestrebt sein werden, ein richtig gutes Produkt zu kreiren – es täte der TV-Landschaft sicherlich gut. Eine solide Basis ist nun zumindest da. 

 

Disclosure: Ich blogge erstmals seit langem wieder, am gleichen Tag wie Stefan Oßwald. Auch wenn es keinen kausalen Zusammenhang gibt, fände ich es toll, dafür zum Essen eingeladen zu werden. 

 




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