Posts Tagged ‘Zukunft’

Warum kostenlose Inhalte im Sinne einer demokratischen Gesellschaft sind und wie Qualitätsjournalismus trotz neuer Spielregeln im Netzzeitalter realisierbar ist.

Warum Content kostenlos sein sollte

Als Jürgen Habermas 1962 über den Strukturwandel der Öffentlichkeit schrieb, hatte er ein Ideal im Kopf. Er sah die Öffentlichkeit als den Raum, in dem Individuen zusammenkommen um einen politischen Willen zu formen und Entscheidungen zu treffen, stets basierend auf objektiven, möglichst präzisen Informationen. Die Öffentlichkeit ist damit die Grundlage unseres demokratischen Systems, sie ist die Sphäre der Willensbildung. Die notwendigen Informationen, die laut Habermas die Grundlage jeglicher Entscheidung sein sollten, bezieht die Bevölkerung vor Allem aus einer Quelle: der Presse.

Es ist das ureigenste Ideal des Journalisten, als Beobachter über Politik und Wirtschaft zu wachen. Er schlägt die Brücke von den Mächtigen zum Volk und sorgt als unabhängige Instanz für Transparenz, indem er über politische Vorhaben berichtet, obskure Machenschaften in der Wirtschaft enthüllt oder mit fundierten Meinungen kritisch das Zeitgeschehen kommentiert. Daher ist eine funktionierende Demokratie nur in einer Gesellschaft denkbar, in der eine freie und neutrale Presse gewährleistet werden kann. Doch das Vorhandensein der  notwendigen Informationen allein ist noch kein Garant für eine partizipierende, aufgeklärte Öffentlichkeit. Der eigentlich kritische Punkt ist der Zugang zu diesen Informationen. Man stelle sich vor, die Tageszeitung oder TV-Nachrichten kosteten 10€ pro Tag – der Effekt auf den allgemeinen Wissensstand wäre fatal.
Weiterlesen auf Freitag.de

Chiptuning

Vor ein paar Tagen hatte Robert gefragt, ob sich seine Leser einen Chip einpflanzen lassen würden, der es ermöglicht, von Überall problemlos auf die Wikipedia zuzugreifen. Heute hat er das Ergebnis veröffentlicht. Von seinen Lesern würden sich
54% einen Chip einpflanzen lassen,
9% sind sich unschlüssig und
37% keinen Chip einpflanzen lassen.

(Basis: 221 Befragte)

Robert ist der Meinung, dass dies langfristig beinahe unvermeidlich kommen wird. Er könnte damit Recht haben, keine Frage. Warum ich dies aber keinesfalls gutheissen würde, habe ich auch als Kommentar geschrieben:

Ich denke (und hoffe) auch, dass dein Publikum da nicht wirklich repräsentativ ist, Robert.

Was mich am meisten beängstigt an dem Gedanken, es könnte solche Wissenschips eines Tages geben, ist es, dass Wissen damit zur bloßen kurzfristigen Information verkommt. Ein eigentlicher Wissenserwerb durch eigenes Lernen wird kaum mehr nötig sein. Doch grade dies ist ja eine Kernfähigkeit des Menschen: sich zu bilden. Wenn alle Information stets abrufbar ist, verliert sich jedoch diese Notwendigkeit. Den Menschen aber, der nichts mehr lernen, sich kein Wissen mehr mühsam aneignen muss, stelle ich mir wie die geistige Version dessen vor, was in materieller Ausprägung bei MTVs “My Sweet Sixteen” zu sehen ist. Verzogen, unreif, unreflektiert und letztlich: dumm.

Zudem: Was ist mit neuen Erkenntnissen? Wenn jeder es gewohnt ist, nur noch abzurufen, wird er dann des eigenen Denkens überhaupt noch fähig sein? Wird Innovation und Forschung dann noch über ein reines Kombinieren und Neusortieren des Bekannten hinausgehen? Ist nicht eher zu befürchten, dass aus der geistigen Faul- & Trägheit ein Unvermögen entsteht, komplexe Zusammenhänge selbstständig gedanklich nachzuvollziehen und Neues zu denken? Oder bin ich Kulturpessimist und es wie heute, nur ohne Internet-Tablett sondern mit Chip? (Oder sind wir heute schon auf dem oben geschilderten Weg?)